Bei Demenz denken viele Menschen zunächst an Gedächtnisprobleme als Ursache für Alltagsrisiken. Für die Sicherheit im Alltag sind jedoch häufig andere kognitive Veränderungen entscheidend. Aufmerksamkeit, Handlungsplanung und die Fähigkeit, mehrere Schritte sinnvoll aufeinander abzustimmen werden unsicherer. Genau diese Funktionen sind bei alltäglichen Bewegungen in der Wohnung ständig gefordert.

Dadurch steigt das Risiko für Unfälle und Stürze häufig schon im frühen Stadium kognitiver Erkrankungen wie der Demenz.

Gleichzeitig zeigt die Forschung, dass in dieser Phase viele Bewegungsabläufe weiterhin gut im prozeduralen Gedächtnis verankert werden können. Dieses Gedächtnissystem ist für eingeübte und automatisierte Bewegungen zuständig und bleibt bei den meisten Menschen mit Demenz erstaunlich lange erhalten.

Genau hier setzen wirksame Präventionsmaßnahmen für die Wohnsicherheit an. Wenn Alltagsabläufe, die ursprünglich viel Aufmerksamkeit und Planung erfordern, gezielt in klare und wiederholbare motorische Routinen überführt werden, lassen sie sich stabiler, sicherer und mit geringerer Fehleranfälligkeit ausführen.

Im Folgenden wird erläutert, warum das Sturzrisiko im Zusammenhang mit kognitiven Veränderungen eine zentrale Rolle spielt und wie motorische Routinen dazu beitragen können, Selbstständigkeit und Alltagsfähigkeit möglichst lange zu erhalten.

Stürze als zentrales Risiko bei einer Demenzdiagnose

Eine Demenzdiagnose trifft viele Familien unvorbereitet. Neben der emotionalen Belastung rückt schnell eine zentrale Frage in den Vordergrund: Wie sicher ist der Alltag zu Hause noch?

Studien zeigen hier ein deutliches Bild. Menschen mit einer demenziellen Erkrankung stürzen häufiger als gleichaltrige Personen ohne Demenz. Diese Stürze zählen zu den häufigsten Ursachen für einen frühen Verlust an Selbstständigkeit und sind ein zentraler Auslöser für Pflegebedürftigkeit. Auffällig ist, dass sie oft bereits in einem frühen Stadium auftreten, bevor ausgeprägte Gedächtnisprobleme dominieren.

Studien zeigen, dass Menschen mit Demenz ein jährliches Sturzrisiko von etwa 40–50 % haben, im Vergleich zu rund 25–30 % bei gleichaltrigen Menschen ohne Demenz
(Bao et al. 2024).

Das erhöhte Sturzrisiko lässt sich dabei nur teilweise durch Vergesslichkeit erklären. Entscheidend sind vielmehr Veränderungen in Aufmerksamkeit, Handlungsplanung und der Koordination mehrerer Schritte. Genau diese Fähigkeiten werden bei alltäglichen Bewegungen ständig benötigt, etwa beim Aufstehen, beim Gehen in der Wohnung, beim Drehen in engen Räumen oder beim Wechsel zwischen Tätigkeiten.

Wenn diese Prozesse weniger zuverlässig greifen, werden selbst vertraute Bewegungen unsicher. Stolpern, Fehltritte oder ein Verlust des Gleichgewichts entstehen häufig in Übergangsmomenten, also beim Starten, Stoppen oder Richtungswechseln. Stürze sind damit kein plötzliches Ereignis, sondern oft die Folge instabiler Bewegungsabläufe.

Gleichzeitig liegt hierin eine wichtige Chance. Viele sturzrelevante Bewegungen lassen sich auch nach der Diagnose gezielt stabilisieren. Früh eingeübte, sichere Bewegungsmuster und klare motorische Routinen können Unsicherheiten reduzieren und das Sturzrisiko deutlich senken.

Hinweis: Auch die Anpassung des Wohnumfelds kann zur Sturzprävention beitragen. Aspekte der Wohnraumanpassung werden in einem gesonderten Beitrag behandelt.

Prävention nach der Diagnose: Warum Routinen Sicherheit geben

Wenn das Sturzrisiko vor allem dort steigt, wo mehrere Schritte flexibel koordiniert werden müssen, folgt daraus eine klare Konsequenz: Sicherheit darf nicht von spontaner Aufmerksamkeit abhängen, sondern muss im Bewegungsablauf selbst verankert sein.

Genau hier setzt die präventive Arbeit mit motorischen Routinen an. Bewegungen, die im Alltag immer wieder zu Unsicherheiten führen, werden gezielt vereinfacht, klar strukturiert und in einer festen Abfolge eingeübt. Dadurch können sie auch dann stabil ausgeführt werden, wenn Planung und Überblick nachlassen.

Dieses Vorgehen nutzt ein gut belegtes Prinzip aus der Neuropsychologie. Während das bewusste Erinnern früh beeinträchtigt ist, bleibt das prozedurale Gedächtnis für eingeübte Bewegungen bei den meisten Menschen mit Demenz lange erhalten. Forschungsergebnisse aus der Geriatrie und Rehabilitation zeigen, dass wiederholte, fehlerarme Bewegungsfolgen zuverlässig automatisiert werden können und die Abhängigkeit von kognitiver Kontrolle reduzieren.

Besonders wirksam ist dieser Ansatz in Übergangssituationen wie Aufstehen, Angehen, Drehen oder Anhalten, also genau in jenen Momenten, in denen Stürze häufig entstehen. Wird Sicherheit hier direkt im Bewegungsmuster angelegt, lassen sich Risiken nachhaltig senken.


5 Routinen mit hoher Wirkung

Ergotherapeutinnen und Ergotherapeuten spielen eine zentrale Rolle dabei, sturzrelevante Alltagsbewegungen zu analysieren und sichere Routinen gezielt einzuüben. Ziel ist es, Bewegungsabläufe so zu strukturieren, dass sie auch bei nachlassender Aufmerksamkeit stabil und verlässlich ausgeführt werden können.

Zu den Routinen mit besonders hoher Sicherheitswirkung zählen:

1. Aufstehen und Angehen
Stabile Abfolge vom Aufrichten bis zum ersten Schritt

  • Immer gleiche Reihenfolge üben (z.B. Füße zurückstellen – nach vorne lehnen – abstützen – aufstehen – kurz stehen – erst dann losgehen), bis die einzelnen Schritte weitgehend automatisch ablaufen.​
  • Zunächst ohne Ablenkung trainieren, später ggf. mit einfachen Gesprächen oder Alltagsanforderungen kombinieren.​

2. Gehen mit Richtungswechseln
Bewusstes Drehen mit klaren Stopppunkten

  • Wendungen mit kleinen, langsamen Schritten und klaren Stopps vor dem Drehen einüben, besonders in engen Fluren und an Türen.​
  • Start‑, Stopp‑ und Türpassagen gezielt trainieren, weil sie eine hohe kognitive Flexibilität (Set‑Shifting) erfordern und häufig mit Stürzen verbunden sind.​

3. Sicheres Treppensteigen
Rhythmus, Blickführung und konsequente Nutzung des Handlaufs

  • Treppen regelmäßig als eigene Übungsaufgabe nutzen: immer eine Hand am Handlauf, gleichbleibender Rhythmus und Blick auf die Stufen.​
  • Zuerst in ruhiger Umgebung üben und zusätzliche Anforderungen (z.B. Gespräch, Tragen) nur sehr vorsichtig und später hinzufügen.​

4. Transfers im Bad
Strukturierte Abläufe beim Hinsetzen und Aufstehen

  • Klare Bewegungssequenzen für Hinsetzen und Aufstehen (z.B. zuerst Griffkontakt, dann Körperposition ausrichten, dann kontrolliert setzen oder aufstehen) erarbeiten und wiederholt einüben.​
  • Kritische Transfers zunächst im trockenen, gut gesicherten Setting üben und erst danach in die reale, rutschigere Situation übertragen.​

5. Sichern durch Kontakt
Automatisches Greifen nach Handlauf oder Greiffläche

  • Geeignete Haltepunkte (Handläufe, stabile Möbelkanten, Arbeitsplatten) definieren und konsequent in alle Übergangssituationen einbauen.​
  • Ziel ist, dass die Hand „von selbst“ zur sicheren Kontaktfläche findet, bevor eine Bewegung gestartet, eine Drehung eingeleitet oder ein neuer Bereich wie das Bad betreten wird.

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SELMA konzentriert sich auf Wohnsicherheit im Alltag. Im Rahmen unserer Arbeit unterstützen wir dabei, genau diese Routinen im individuellen Wohnumfeld zu erkennen, einzuüben und zu stabilisieren. Der Fokus liegt auf alltagsnahen Lösungen, die Sicherheit erhöhen, ohne Selbstständigkeit einzuschränken.

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