Mit zunehmendem Alter steigt in der Regel die Zahl der täglich benötigten Medikamente. Damit nimmt auch das Unfallrisiko im Alltag zu, etwa durch Schwindel. Auch die Einnahme selbst wird komplexer und erhöht dadurch die Gefahr von Einnahmefehlern mit unerwünschten Folgewirkungen.

Ein strukturiertes Medikamentenmanagement, ergänzt durch eine Anpassung des Wohnumfeldes, wird zu einer wichtigen Sicherheitsmaßnahme.

In diesem Artikel beleuchten wir, an welchen Stellen Medikamente Risiken erzeugen können und wie Betroffene und Angehörige mehr Übersicht und Sicherheit gewinnen.

Warum Medikamente das Unfallrisiko im Alter erhöhen

Viele Menschen nehmen im höheren Alter eine Vielzahl an Medikamenten ein. Dadurch steigt nachweislich das Risiko für Unfälle, z.B. Stürze im Alltag. Die so genannte Polypharmazie (Einnahme vieler Medikamente) ist dabei kein reines Zahlenproblem, sondern das Ergebnis mehrerer Risikoebenen, die sich gegenseitig verstärken.

1. Altersbedingte körperliche Veränderungen

Mit zunehmendem Alter verändern sich Leber-, Nieren- und Stoffwechselfunktionen. Medikamente werden langsamer abgebaut, verbleiben länger im Körper und wirken daher oft anders als erwartet. Typische Folgen sind Schwindel, Blutdruckabfälle, Benommenheit und eine verlangsamte Reaktionsfähigkeit. Diese Effekte werden häufig als „normales Altern“ eingeordnet, obwohl sie in vielen Fällen medikationsbedingt sind.

2. Wechselwirkungen der Wirkstoffe

Die größten Risiken entstehen weniger durch die reine Anzahl der Medikamente als durch die Kombination bestimmter Wirkstoffe. Besonders relevant sind etwa Blutdrucksenker, Schmerzmittel, Schlaf- und Beruhigungsmittel sowie bestimmte Psychopharmaka, da sie sich gegenseitig beeinflussen und ihre Wirkung verstärken oder verändern können. Mit jeder zusätzlichen Verordnung steigt die Wahrscheinlichkeit solcher Wechselwirkungen, wodurch Nebenwirkungen unvorhersehbarer werden und sich das Sicherheitsniveau im Alltag verschiebt.

3. Einnahmefehler durch komplexe Einnahmevorgaben

Die tägliche Medikamenteneinnahme erfordert viele kleine Entscheidungen: richtige Dosis, richtiger Zeitpunkt, richtige Kombination. Mit jeder zusätzlichen Verordnung steigt die Komplexität. Dadurch nehmen Verwechslungen, vergessene Einnahmen oder unbeabsichtigte Doppelgaben deutlich zu und können unerwünschte Wirkungen verursachen. Studien zeigen, dass Einnahmefehler bei Polypharmazie kein Ausnahmefall sind. Sie bleiben häufig unbemerkt und untergraben die Sicherheit im Alltag schrittweise.

Menschen, die fünf oder mehr Medikamente einnehmen, haben ein 50 bis 70 Prozent gesteigertes Sturzrisiko im Vergleich zu Personen mit weniger Medikamenten.
(British Journal of Clinical Pharmacology)

Ansätze für mehr Sicherheit

Sicherheit im Umgang mit Medikamenten entsteht nicht durch ein einzelnes Hilfsmittel, sondern durch das Zusammenspiel mehrerer Maßnahmen. Drei Ansatzpunkte haben sich dabei in der Praxis besonders bewährt.

1. Medikation überprüfen und gegebenenfalls anpassen

Bevor Routinen oder technische Hilfen angepasst werden, sollte geklärt werden, wie gut die aktuelle Medikation überhaupt zum Alltag passt. Dabei geht es nicht nur darum, ob alle Medikamente notwendig sind, sondern auch darum, ob sie in der richtigen Dosierung, zum passenden Zeitpunkt und in einer alltagsfreundlichen Kombination eingenommen werden.

Ein ärztliches Medikationsreview (eine strukturierte Überprüfung der gesamten Medikation) kann helfen, unnötige Präparate zu erkennen, Dosierungen anzupassen, riskante Kombinationen zu reduzieren oder Einnahmezeiten so zu verändern, dass sie besser in den Tagesablauf passen. In Deutschland können Personen, die fünf oder mehr Medikamente einnehmen, außerdem eine kostenfreie Medikationsanalyse in der Apotheke erhalten. Mehr Infos hier.

In einigen Fällen ist ein strukturiertes Deprescribing in ärztlicher Abstimmung sinnvoll, also das geplante Reduzieren oder Absetzen einzelner Präparate, wenn ihr Nutzen die Risiken nicht mehr klar überwiegt. Der Effekt ist häufig spürbar: weniger Komplexität, weniger Nebenwirkungen und mehr Stabilität im Alltag.

2. Sichere Einnahmeroutinen entwickeln

Wenn eine vereinfachte Medikation vorliegt, geht es im nächsten Schritt darum, die Einnahme vorhersehbar, fehlerarm und wiederholbar zu gestalten. Besonders wirksam sind Lösungen, die Entscheidungen reduzieren und den Ablauf klar strukturieren. Dazu zählen zum Beispiel automatische Medikamentenspender, die Tabletten zur richtigen Zeit ausgeben und zusätzlich per Signal oder App an die Einnahme erinnern. Auch digitale Erinnerungssysteme, etwa über Smartwatches, Kalenderfunktionen oder Sprachassistenten, können die Routine unterstützen, indem sie in bestehende Tagesabläufe eingebettet werden.

Hilfreich ist zudem ein fester, gut beleuchteter Einnahmeplatz, der visuelle Orientierung bietet und Ablenkungen minimiert. Ergänzend können klare Einnahmerituale, gekoppelt an stabile Gewohnheiten wie Frühstück oder Abendroutine, Fehler weiter reduzieren.

3. Wohnumfeld an das individuelle Risikoprofil anpassen

Wenn Medikamente Gleichgewicht, Aufmerksamkeit oder Reaktionsgeschwindigkeit beeinflussen, gewinnt das Wohnumfeld entscheidend an Bedeutung. Viele Risiken entstehen dadurch, dass die Umgebung nicht mehr zu den veränderten Fähigkeiten passt. Schon kleine Anpassungen können Unsicherheiten abfedern und Sturzrisiken deutlich reduzieren.

Besonders wirksam ist eine verbesserte Wegbeleuchtung etwa durch automatische Nachtlichter, die Orientierung in kritischen Momenten erleichtert. Auch das Reduzieren von Stolperstellen oder rutschfeste Unterlagen schafft sofort mehr Sicherheit. In Bereichen mit hohen Anforderungen, etwa im Bad oder an Übergängen, können Haltegriffe zusätzliche Stabilität geben.

Für Menschen, die aufgrund ihrer Medikation ein deutlich erhöhtes Sturzrisiko haben, kann zudem ein System zur automatischen Sturzerkennung sinnvoll sein, um im Ernstfall schnell Hilfe zu alarmieren. Weitere Informationen dazu finden Sie in unserem Artikel zu Sturzerkennungssystemen.

Ein Wohnumfeld, das auf das individuelle Risikoprofil abgestimmt ist, bildet ein Sicherheitsnetz, das den Alltag stabiler und berechenbarer macht.

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Wenn Sie den Eindruck haben, dass Medikamente Ihren Alltag oder den Ihrer Angehörigen beeinflussen, unterstützen wir Sie gern. Im WohnFit Check analysieren wir die individuelle Situation, vermitteln bei Bedarf an Apotheken für eine Medikationsanalyse und begleiten die Umsetzung geeigneter Maßnahmen, von der Auswahl passender Hilfsmittel bis hin zu gezielten Wohnraumanpassungen.

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